
Der Preis des Wachstums
Mai 19, 2011Der Artikel ist erschienen in der Zeitung “Jenseits des Wachstums!?”, die im April der TAZ Beilag. Geschrieben wurde er von Max Bank und mir.
Bei ihrer Regierungserklärung im November 2009 ist sich Bundeskanzlerin Merkel ihrer Sache sicher:
„Ohne Wachstum keine Investitionen, ohne Wachstum keine Arbeitsplätze, ohne Wachstum keine Gelder für die Bildung, ohne Wachstum keine Hilfe für die Schwachen.“ Ist aber die Unterstützung armer Bevölkerungsgruppen tatsächlich das Motiv für die Ankurbelung des Wachstums?
Wohl kaum. Während der Boom-Phase vor der Weltwirtschaftskrise hat die soziale Spaltung in der Bundesrepublik schließlich zugenommen wie nie zuvor.
Warum Ökonomien wachsen (sollen), ist eine durchaus umstrittene Frage. Einige benennen Bevölkerungswachstum als Ursache, andere entdecken das Laster Gier. Ersteres ist wenig plausibel, da in Deutschland die Bevölkerung seit einigen Jahren leicht schrumpft und es währenddessen mal zu Wachstumseinbrüchen von 5 Prozent, mal zu Wachstumssprüngen um 3 Prozent kommt.
Menschliche Gier gibt es vermutlich schon sehr lange, ohne dass es
historisch zu hohen Wachstumsraten kam, wie wir sie kennen. Bis vor 250 Jahren nämlich betrugen diese ca. 0,05 Prozent pro Jahr. Weit entfernt von den ein, zwei, drei oder mehr Prozentpunkten, wie sie heute erreicht werden können. Derart hohe Wachstumsraten waren erst mit dem Beginn der industriellen Revolution möglich, als sich das kapitalistische Konzept der Investition zum Zweck der Geldvermehrung durchsetze. Profit wurde zum Motor der Ökonomie. Die Konkurrenz der Unternehmen untereinander tut ihr Übriges hinzu. Denn wer über längere Frist keine Gewinne erzielt und somit kein Wachstum vorweisen kann, verschwindet vom Markt.
Der Profitzwang der vielen einzelnen InvestorInnen führt zu einem Wachstumsdruck für die gesamte Wirtschaft. Zweimal im Jahr präsentiert das Statistische Bundesamt die neuen Wachstumszahlen: berechnet als das Bruttosozialprodukt (BIP), der Summe aller Güter und Dienstleistungen, die in einem Jahr innerhalb der deutschen Landesgrenzen hergestellt werden.
Das BIP ist allerdings nicht das einzige, was wächst, auch der Naturverbrauch nimmt zu. Denn ohne die Nutzung von Naturressourcen ist keine Produktion möglich. Bei einer Wirtschaftsweise, die auf fossilen und mineralischen Rohstoffen beruht, ist es allerdings unvermeidlich, dass erstens Abfälle entstehen, und zweitens endliche Ressourcen nach und nach erschöpft werden. Die perfekte
Kreislaufwirtschaft gibt es bei dieser Produktionsweise nicht. Wer die
ökologischen Grenzen ernst nimmt, kommt wohl nicht umhin Sand ins
Getriebe der Profitakkumulation zu streuen.



Der Grund für das Notwendige Wirtschaftswachstum ist das Zinssystem. Es ist davon auszugehen, dass fast alles Geld, das im Umlauf ist, durch Kreditaufnahme in den Wirtschaftskreislauf eingebracht wurde. Daraus folgt, dass auf fast alles Geld, das im Umlauf ist, Zinsen gezahlt werden müssen. Diese Zinsen stehen zunächst als Forderung im Raum und erhöhen die (negative) Geldmenge. Solange die Wirtschaft schneller wächst als die Zinsentwicklung, besteht kein Problem. Das Problem entsteht dadurch, dass die Realwirtschaft nur so weit wachsen kann, wie Arbeitskraft und natürliche Ressourcen zur Verfügung stehen. Solange das Zinssystem nicht in Frage gestellt werden soll, werden alle Lösungsansätze Kosmetik bleiben.